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Durch sie bekomme ich direkt den nächsten Auftrag. Sie nimmt mich mit zu ihren Eltern. Es sind vierzig Minuten Fahrt. Unsere Körper fühlen sich zu groß an für den fahrenden Blechmantel. Aber da Rückbank und Ablagen voller Wäsche und Kartons sind, denke ich, werden wir im Notfall schon weich aufprallen.

 

Sie plaudert wieder Privates aus. Ein stilles Nicken scheint mir diesmal in dieser erzwungenen Intimität zu wenig. Ich kann nirgends hin - außer durch die Beifahrertür. Bei 120 km/h auf den vorbeirasenden Asphalt. Ihr Vater ist an Parkinson erkrankt, ihre Mutter hatte einen Schlaganfall und ist seit einer Woche zurück aus dem Krankenhaus. Die beiden leben weiterhin zuhause und erhalten Betreuung. Doch der Haushalt wurde länger vernachlässigt, wie sie sagt. 

 

„Ich habe Jahre nicht mit meiner Mutter gesprochen.“ Der Ton ihrer Worte hängt schwer im Auto - wie das Wetter hinter den Fenstern. Über einen Feldweg kommen wir zu einer Auffahrt. Das Radio drängt sich in den Vordergrund: „..dass sie nicht mit allem einverstanden sind mit dem, was wir hier beschließen - be my guest, so soll es sein.. .“ 

 

Die Häuser stehen sich schräg gegenüber, wie die Zähne eines Reißverschlusses. Das Haus ihrer Eltern steht am Ende der Straße. Es ist einer dieser 70er-Jahre-Bungalows mit einem kleinen Seitenhaus, das den Abhang hinunter gebaut ist. Mir ist noch leicht unwohl von der Fahrt. Schlagartig verändert sich ihre Laune. Sie bittet mich hektisch, die gewaschene Wäsche ins Haus zu bringen. Eine zarte, weißhaarige Frau steht in der offenen Tür. Sie grüßt schüchtern und schickt mich nach hinten in die Waschküche. Drinnen wirkt der Bungalow, als hätte ihn jemand wie einen Würfel geschüttelt. Möbel stehen verstreut im Flur, irgendein Werkzeug steckt verkeilt in der Gästetoilette, Deckenpaneele sind verschoben, der Wohnzimmertisch und der Boden drumherum sind voll mit gestapelten Akten, die zu kippen drohen. 

 

Ich treffe auf den Vater. Er ist von der Krankheit sichtlich gezeichnet. Sein Mund steht offen, ein Handtuch um seinen Hals fängt den Speichel ab. Seine Worte pressen sich in einem Hauchen heraus und sind nur schwer zu verstehen. In seinen Pantoffeln bewegt er sich wie auf Schienen. Er fragt mich aus: Wo ich herkomme, was ich sonst tue - ob ich Jazz mag. Als er hört, dass ich Kunst mache zeigt er mir aufgeregt ein Zimmer, in dem er malt. Auf kleinen vorgespannten Leinwänden sehe ich Landschaften und Häuser. Sie stehen wie bei einem improvisierten Straßenverkauf auf Regalen und kleinen Tischen. Entlang der drei Wände wirken sie fast wie auf einem Schrein angeordnet.

 

Zwischendrin dringen aufgewühlte Gespräche zwischen Mutter und Tochter zu uns durch. Ich möchte nicht ungewollt lauschen und stelle mehr Fragen zu seinen Bildern. Seine Euphorie entzündet sich weiter, er zieht kurz an meinem Pulliärmel um mich mit ins Wohnzimmer zu nehmen. Dort stehen unzählige weitere Malereien und lehnen an allem, was zum Anlehnen taugt. Zwei Bleistifte sind jeweils in ein Radiergummi gespießt und stützen das kleinste Bild, darauf ein Stuhl auf dem wiederum ein kleiner Hocker steht. Die kiefernholzvertäfelte Wand trägt Tierpräparate und Glaskästen mit angepinnten Insekten.

 

Die Tochter rauscht mit dem Handy herein, ihr Gesicht glänzt und sie murmelt „Stefan“. Ich werde von ihr in den Wintergarten geschickt, um dort sauber zu machen.

 

Nach einigen Stunden gibt es Kaffee und Kuchen. Ich werde gelobt, der Wintergarten sei ganz verändert und ich soll doch bitte den Tisch eindecken. Eine Wachsdecke im Tutti-Frutti-Design wird aufgeworfen. Es gibt aufgeschnittenen Fertigkuchen, Rosinenbrot und Sprühsahne, neben Kaffee aus der Thermoskanne. Sprudel steht neben dem Tischbein. Der Vater und ich sitzen uns gegenüber. In seinen Augen nehme ich ein Lächeln wahr. Ich schaue an ihm vorbei in den Garten. Dort glitzert mir etwas entgegen. Auch fremd.

 

Eine erschöpfte Mutter und eine angespannte Tochter nehmen Platz. Kurz ist es still.

 

Dann erzählt sie von ihrem Bruder, der von den Eltern bevorzugt wird. Ich spiegele mich in der kleinen Kuchengabel und suche darin eine Verbündete. Langsam drücke ich die Gabel und mein Spiegelbild durch den marmorierten Mürbeteig. Kleine Brösel fallen. Die Kuvertüre und meine Nase splittern. 

Den sauber getrennten Teil meines Trockenkuchens ziehe ich durch die Sahnewolken, die ich in einer unsinnigen Dreierkette am Tellerrand platziert habe.

 

„Ihr habt ihm 10.000 € für die Reparatur seines Autos gegeben“, poltert es aus ihr heraus, „und was bekomme ich?!“ Ich bin dort, als gehöre ich dazu, und schaue weiter verstohlen auf meinen Teller. Nach ein paar langgezogenen Sekunden schaut der Vater starr zu ihr rüber: „Dann nimm dir doch noch ne Schnitte.“

 

 

 

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Through her I get the next job right away. She takes me along to her parents’ place. It’s a forty-minute drive. Our bodies feel too large for the moving tin shell. But since the back seat and the compartments are stuffed with laundry and cardboard boxes, I think we would land softly in an emergency.

She starts sharing private things again. This time, in this forced intimacy, a silent nod seems too little. There’s nowhere I can go — except through the passenger door. At 120 km/h onto the rushing asphalt. Her father has Parkinson’s, her mother had a stroke and has been back from the hospital for a week. The two of them still live at home and receive care. But the household has been neglected for quite some time, as she says.

 

“I didn’t speak to my mother for years.” The tone of her words hangs heavy in the car—like the weather behind the windows. We reach a driveway via a dirt track. The radio pushes itself into the foreground: “…that they don’t agree with everything we decide here — be my guest, that’s how it should be…”

The houses face one another at an angle, like the teeth of a zipper. Her parents’ house sits at the end of the street. One of those 1970s bungalows with a small side building constructed down the slope. I still feel slightly sick from the drive. Suddenly her mood changes. She hurriedly asks me to carry the washed laundry into the house. A delicate, white-haired woman stands in the open doorway. She greets me shyly and sends me to the laundry room in the back. Inside, the bungalow looks as if someone had shaken it like a cube. Furniture is scattered through the hallway, some tool is wedged into the guest toilet, ceiling panels have shifted, and the living-room table and the floor around it are covered with stacks of files that threaten to topple.

 

I run into the father. The illness has clearly marked him. His mouth hangs open and a towel is draped around his neck to catch the saliva. His words press themselves out in a breath, hard to understand. In his slippers he moves as if on rails. He questions me —where I’m from, what else I do - whether I like jazz. When he hears that I make art, he excitedly shows me a room where he paints. On small pre-stretched canvases I see landscapes and houses. They stand on shelves and small tables as if in an improvised street sale. Along the three walls they almost look arranged like a shrine.

 

Now and then agitated conversations between mother and daughter drift toward us. I don’t want to listen unintentionally and ask more questions about his paintings. His euphoria flares further. He briefly tugs at the sleeve of my sweater to lead me into the living room. Countless more paintings stand there, leaning against anything that will hold them. Two pencils are stuck into an eraser to prop up the smallest picture, showing a chair with a small stool on top of it. The pine-paneled wall carries taxidermied animals and glass cases with pinned insects.

 

The daughter rushes in with her phone, her face shining, murmuring “Stefan.” She sends me to the conservatory to clean.

 

After a few hours there is coffee and cake. I’m praised — the conservatory looks completely different now — and asked to set the table. A wax tablecloth in a tutti-frutti pattern is thrown over it. There is sliced ready-made cake, raisin bread, and spray cream, alongside coffee from a thermos. Sparkling water stands beside the table leg.The father and I sit opposite each other. In his eyes I notice a smile. I look past him into the garden. Something glints back at me there. Also unknown.

 

An exhausted mother and a tense daughter take their seats. For a moment it is quiet.

 

Then she begins talking about her brother, who is favored by the parents. I see myself reflected in the small cake fork and search there for an ally. Slowly I press the fork and my reflection through the marbled shortcrust pastry. Small crumbs fall. The chocolate glaze and my nose splinter.

 

I drag the neatly separated piece of my dry cake through the clouds of whipped cream I have arranged in a pointless row of three along the rim of the plate.

 

“You gave him ten thousand euros to repair his car,” she bursts out, “and what do I get?!” I sit there as if I belonged, still stealing glances down at my plate. After a few drawn-out seconds the father looks at her: “Then have another slice.”

 

 

 

 

corrections regarding translation are welcome