Blicke durch Türrahmen
Mit der Zeit haben sich ihre Freunde eingefunden außer der, der eigentlich nie ein Freund war. Alle endlich ein Kristallglas in der Hand, beginnt T. in sich zu versinken.
Licht fällt durch einen bestimmten Winkel auf den Kelch. Sie beobachtet das zarte Schattenspiel auf dem Spitzenvorhang und dreht langsam den Stiel zwischen ihren Fingern, die noch immer kleben. Das Gefühl ist kaum zu ertragen.
Eigentlich bereitet ihr dieses alkoholische Getränk mit zumeist schlechtem Weißwein gemischt, schreckliche Bauchschmerzen, dennoch nimmt sie einen großen Schluck.
Der Aperol-Spritz von zuvor macht sich bemerkbar, ihr Kopf fängt an sich zu drehen, die Gedanken machen mit. Wie ein Echo hört sie die Worte: „Gib’s zu, du wolltest nie etwas mit mir teilen. Egal was es war. Du gabst mir das Gefühl dir alles aus der Nase ziehen zu müssen, wie unangenehm.“ Eine sehr einsame Person, sagte M. damals in einem Gespräch. T. wollte das so nicht hinnehmen, fühlte sie sich doch genauso verlassen. „Als wäre ich, die Unsichtbare neben dir hergewandelt und erst wieder sichtbar, wenn wir allein, zu zweit bei dir oder eigentlich immer bei mir waren.“
Draußen schlagen jetzt Regentropfen gegen die Fensterscheiben, jemand lacht laut – sie verschluckt sich. Ihr Kopf ist weit weg vom Geschehen. „Es ist so, als wären in mir zwei, die permanent gegeneinander ankämpfen. Der Wahnsinn ist, sich das nie anmerken zu lassen. Von außen scheint alles in Ordnung, teilt es mich doch innerlich in zwei. Wie gelingt es mir diese Farce aufrecht zu halten? Ich bin irgendwie von mir selbst beeindruckt.“
„Was ist denn los, bist du nicht glücklich? Es ist doch dein Geburtstag!“, dringt zu ihr durch. „Was soll daran schon fröhlich sein, wieder ein Jahr älter, würde er sagen. Daran gibt’s doch nichts zu feiern. Schon wieder schlich sich sein Wortlaut in meine, ja meine eigenen Worte ein. Kann ich überhaupt noch denken, ohne ihn schwebend über mir zu wissen? Was für eine bescheuerte Aussage.“ „Komm wir stoßen auf dich an T.!“ Ich verziehe mein Gesicht ohne Mühe zu einem Lächeln (das kann ich ganz gut), obwohl in mir gar nichts lacht. Ich hasse diese Gegensätze, die hier so raus, aufs Papier fließen und denke an ein Buch, das mir mein Vater kürzlich in die Hand gedrückt hat.
Kino der Gefühle. Geschichte und Mythologie des Film-Melodrams. Markiert hat er mir mit Hilfe eines rosa Post-it’s einen bestimmten Abschnitt. In Großbuchstaben beschriftet mit FASSBINDER & SIRK. Ohne mich physisch von der Konversation abzuwenden, bin ich schon bei „Magnificent Obsession“ und „All that Heaven allows“.
Rainer Werner Fassbinder, der Sirk sehr bewundert, beschreibt die Geschichte:
„Rock aber ist fünfzehn Jahre jünger als Jane,[...]. Rock liebt zu Anfang die Natur, Jane liebt erst mal gar nichts, weil sie alles hat. Das sind ein paar beschissene Voraussetzungen für eine große Liebe.
Sie, er und die Umwelt. Im Grunde sieht es aber so aus. Sie hat so den Touch von Mütterlichkeit, im rechten Moment zu zerfließen. [...] Er ist der Baumstamm. [...] Die Umwelt ist böse. Die Frauen haben alle große Münder. Männer gibt’s in dem Film sonst keine, außer Rock, da sind die Sessel wichtiger oder die Gläser.“1
Manchmal wünschte ich so zu schreiben, wie Fassbinder gesprochen hat, so ohne Blatt vor dem Mund. Musst dich nur trauen, schreib was du wirklich denkst. Was bedeutet das mit großen Mündern... Mit großer Klappe, oder einfach große, volle Lippen? Meine Fassbinder- Faszination will mich nicht loslassen und beginnt mich schon selbst zu nerven. Auffallend oft Kameraeinstellungen in Form von Blicken durch Türrahmen.
Mein Blick, meine Erinnerung bleiben stets an Szenen mit dem kunstgeschichtlich weit zurückgehenden Sujet hängen. Schon die Niederländer malten das.
Pieter de Hooch – er rahmt das Bild im Bild.
Ich male Bilder mit Blick durch den Türrahmen, bis jetzt drei Stück, um einen weiteren Raum zu öffnen. So können die Gedanken woanders hin fliehen.
„Woher hast du dieses unglaubliche Talent zu malen?“ Ich werde rot und sage: “Ich weiß nicht, ich glaube nicht, dass ich sonderlich talentiert bin. Es kommt einfach aus mir raus, ich muss es tun, ich mach es, das ist das Ergebnis.“ „Doch. Sieh dir das nur an! Der Ausdruck, diese Tristesse und Traurigkeit, zugleich unglaubliche Ruhe und Kraft, das rührt mich zu Tränen.“ „Ahja?“, antworte ich. Ein Klirren, der Boden von winzigen Splittern übersät, das Glas ist ihr aus der Hand gerutscht und laut zerschellt. Alle Augen auf sie gerichtet, wird T. erst bewusst, dass sie völlig weggetreten war.
Ihr Kinn war auf ihre Brust gefallen, ein Teil des Drinks auf dem gerafften, von Hand bestickten Rock verschüttet, sodass manche Stellen transparent sind, ihre Haut scheint durch. Beschämt wischt sie mit einer Hand über den Schoß, als könnte das alles ungeschehen machen. Unvorsichtig beginnt sie Glasteilchen aufzuheben, schneidet sich prompt in den Finger und fällt in Ohnmacht. Keiner kann es glauben, ist es doch wie im Märchen...
1 Seeßlen: Kino der Gefühle. Geschichte und Mythologie des Film-Melodrams. 1980, S. 117-118.
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Looking through doorframes
As time passes by, all of her friends have arrived, besides the one, who – to be honest – never was a friend. Everyone finally with a crystal glass in hand, T. gets lost in thought.
Light is falling through a particular angle onto the glass. She observes a delicate shadow play on the lace curtains as she slowly twists and turns the glass stem in her still very sticky fingers. The feeling is hardly bearable.
In fact, this alcoholic beverage – usually mixed with cheap white wine – gives her a stomach ache. Nevertheless, she takes a huge gulp. She is feeling the one Aperol from before, her head starts to spin, her thoughts follow suit. Like an echo she hears these words: “Admit it. You never wanted to share anything with me. Whatever it was. You gave me the impression of having to squeeze every single word out of you, how awful.” A very lonely person, M. once said in a conversation. T. didn’t want to accept that, as she felt just as much left alone. “As if I the invisible, would’ve been following you and only visible again when alone, the two of us at your place or actually always at mine.”
Outside raindrops start beating against the windowpanes, someone laughs out loud – she chokes on something. Her mind is far away from everything happening around her. “It’s as if there were two within me, fighting one another permanently. The madness is putting on a brave face so no one will know. From the outside everything seems to be fine, in fact it splits me in two. How do I manage to keep up this farce? Somehow I’m impressed by myself.”
“What’s wrong, aren’t you happy? It’s your birthday!” rings through to her.
“What’s so cheerful about that, another year older,” he’d say. “Nothing to celebrate.” Once again his wording is creeping into my, yes, my own words. Can I even think without knowing him hovering above me? What a stupid remark.”
“Come on, let’s drink to you, T.!” I pull my face effortlessly into a smile (I’m pretty good at that), although there was nothing for me to laugh about. I loathe these contradictions flooding the page and I’m thinking of a book that my father just recently gave to me.
Kino der Gefühle, Geschichte und Mythologie des Film-Melodrams. He highlighted a particular part with a pink Post-it. Written in capital letters addressed with FASSBINDER & SIRK. Without physically turning away from the conversation, I’m already in “Magnificent Obsession” and “All that Heaven allows”.
Rainer Werner Fassbinder, der Sirk sehr bewundert, beschreibt die Geschichte:
„Rock aber ist fünfzehn Jahre jünger als Jane,[...]. Rock liebt zu Anfang die Natur, Jane liebt erst mal gar nichts, weil sie alles hat. Das sind ein paar beschissene Voraussetzungen für eine große Liebe. Sie, er und die Umwelt. Im Grunde sieht es aber so aus. Sie hat so den Touch von Mütterlichkeit, im rechten Moment zu zerfließen. [...] Er ist der Baumstamm. [...] Die Umwelt ist böse. Die Frauen haben alle große Münder. Männer gibt’s in dem Film sonst keine, außer Rock, da sind die Sessel wichtiger oder die Gläser.“1
Sometimes I wish I’d be able to write how Fassbinder spoke, without mincing one’s words. You just need to dare to do it, to write what you really think. What does it mean mit großen Mündern... With a big mouth, or just big, full lips? My Fassbinder fascination won’t let go of me and it’s starting to annoy even myself. Strikingly often, camera shots through a doorframe. My gaze, my memory are always clinging onto scenes with this subject that can be traced back a long way back in art history. Dutch painters have already dealt with that theme.
Pieter de Hooch – he framed the image within the image.
I’m painting views through doorframes, up to now three, in order to open up an additional room. That way, ones thoughts can flee elsewhere.
“Where did you get this talent to paint from?” I blush and answer: “I have no idea, I don’t think that I’m particularly talented. It’s just a feeling, I need to do it, I do it, that’s the result.”
“Yes. Just look at it! The expression, tristesse and sadness, at the same time unbelievably calm and powerful, it moves me to tears.” “Ah really?”, I reply.
A clinking sound, the floor covered with tiny splinters, the glass has slipped from her hands and loudly smashed to pieces. All eyes on her, T. just now realizes that she completely out of it. Her chin drops to her chest, some of the drink has spilled onto her bunched-up, hand-stitched skirt, leaving some translucent spots and her skin shows through. Ashamed, she brushes over her lap as if this could make everything undone.
Carelessly, she starts to pick up fragments of glass, cuts herself and faints.
No one can believe it; it’s just like in a fairy tale...
1 Seeßlen: Kino der Gefühle. Geschichte und Mythologie des Film-Melodrams. 1980, S. 117-118.
Rainer Werner Fassbinder, who held Sirk in awe, describes the story as follows: “But Rock is fifteen years older than Jane [...]. In the very beginning Rock loves nature, Jane doesn’t love anything, because she simply has everything one could wish for. These are some fucked up conditions for a great love. She, him and their surrounding. Basically it looks like this though. She has this touch of motherliness to wallow in the exact right moment. [...] He is the tree- trunk. [...] The surrounding is evil. All women have big mouths. Other men don’t exist in this movie besides Rock, chairs are more important or glasses.”
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