Nachdem wir alle einmal in der Wohnung waren.
Wir wissen nicht viel über Gerlinde Sicken.
Aber das, was wir wissen, stellte sich am Ende alles als gelogen heraus.
Gerlinde Sicken war jemand, die nicht relativ hässlich war.
Ich bin nicht relativ hässlich.
So hatte sie sich selbst beschrieben, sie dachte wohl, das müsste sie.
Sie wäre gerne jemand gewesen, die abends bestimmte Klamotten, eine ganze Kombination, zusammengestellt hätte. Auf einen Hänger drapiert. Sie dachte nachts ja schon an bestimmte Looks. Beziehungsweise war das ein abgemagertes Gefühl. Morgens, kurz nach dem Aufwachen, war es als Abdruck noch auf der Scheibe zu erkennen. Ein eigenständiger Code. Sie hätte alles einfach gerne am Abend zuvor präpariert. Auf einen Hänger eben, irgendeinen Träger.
Das hatte sie zumindest immer wieder gesagt.
Sie hasste es und versuchte es erfolglos zu vermeiden, die metallenen Türgriffe in ihrer Wohnung anzufassen, vor allem kurz vorm Schlafengehen. Da dann ihre Hände nach Blut riechen sollten und sie so die ganze Nacht wach sein würde. Wachheit als solche störte sie eigentlich nicht, worauf wir später noch zu sprechen kommen, aber die durch den Blutgeruch induzierte Wachheit nervte sie enorm.
Sie war eine von diesen Personen, die in Vorbereitung auf den Schlaf mit den Beinen eine bestimmte Position einnehmen und auch die Hände zunächst für zwei bis drei Stunden über und dann schließlich auf ihre Gesichter legten. Der Blutgeruch an ihren Händen vermieste ihr jedoch dieses System. Jene Nächte waren deshalb teils sehr schlecht, sie aber in dieser Paralyse endlose Ideen für neue Kunst sammeln konnte.
Es war häufig eher nicht leicht, sagte sie, die gesamte Wohnung mit den vier Zimmern, den unendlich vielen Türen – von ihre auch nie gezählten Türen – und sich selbst zu einer gewissen Uhrzeit in der Nacht bettfertig zu machen.
Ohne die Griffe anzufassen.
Überall waren Griffe.
In dieser Wohnung gab es schlichtweg zu viel zu greifen.
Wenn sie zum Beispiel ihr Nachthemd fürs Bett nicht an den Haken, der direkt neben der Dusche befestigt war, am Morgen gehängt hatte, war es von ihr neben dem Bett liegen gelassen worden. Gänzlich fallen gelassen worden.
Natürlich voller Reue, aber aus einem tiefen Unvermögen einfach liegen gelassen.
Dann kam sie am Abend aus der Dusche und griff nach dem Nachthemd, welches dort aber nicht hing. Und so konnte sie auf dem Weg zum Schlafzimmer die Türen nur nackt öffnen und schließen, also mit baren Händen. Wenn sie hingegen am Morgen das Nachthemd gewissermaßen selbstliebend schon auf den Haken gehängt hatte, konnte sie beim zu Bett bringen der Wohnung und sich selbst ihre Hände mit dem Stoff vom Nachthemd bespannen und musste so das Metall nie direkt angreifen. Denn da war ja dann der Schutz vom Stoff.
Wenn dann mal alles gut lief, die Griffe der Wohnung mit den vom Nachthemd bezogenen Händen gegriffen wurden und sie sich geruchlos hinlegen konnte, die Positionen auch nicht schwer fielen und Eines ganz gekonnt so ins Andere floss, waren die Nächte gut – allerdings auch ohne ästhetischen Input.
Schlafen war ihr das Liebste.
Obwohl es immer ein Wagnis darstellte; war es und wird es auch immer die beste Zeit in ihrem Leben gewesen sein.
Ihre Höhepunkte waren jene seltenen Glücks-Nächte, in denen sie um drei Uhr nachts mit einem unfassbaren Durst aufwachte, in die Küche ging, sich ein Glas Wasser füllte und es direkt in einem Ansatz runterschütten würde. Denn dann, direkt danach, als sie wieder im Bett lag, nach dieser Anstrengung und einer förmlich subkutanen Verletzung am ganzen Körper, kam ein Gefühl, das sonst nie kam. Eine invertierte Todesangst.
Kaum einzufangen, da sie schnell wieder einschlafen sollte und sich niemals kongruent daran erinnern konnte. Nur in diesem Höhepunkts-Moment war das Gefühl zu 100% immer wieder da. Eingerahmt von ineinander fallenden Träumen. Einige Frames einer riesigen Welle, wie eine graue Wand, die oben einen Schlenker machte und eine Art Tolle nach unten hängen hatte, so hatte sie es beschrieben. Also: Traum Episode, dann Welle, Traum Episode 2, dann wieder Welle, Traum Episode 3, Welle, Traum Episode 4, und wieder Welle. So hatte ich es damals verstanden. Dazwischen die gekräuselte Todesangst.
Die Träume waren für sie so komplex, dass sie mit dem Aufzeichnen nicht hinterher kam. Es waren ja alles reale Namen, bekannte Orte.
Borchen, Klandistine, Iliat, Reza Drohnthaler.
Sie kamen aber anders rüber in den Episoden und wirkten im Traum unbekannt. Und dieses unbekannte Gefühl zog sich bis in den Wachzustand hinüber und Gerlinde Sicken schrieb die Namen so auf, als hätte sie sie zum ersten Mal gehört. Und auch wenn sie davon erzählte, sprach sie sie mit anderer, falscher Betonung aus. Wenn sie sich unsicher über die Rechtschreibung war, musste sie bis zum nächsten Traum abwarten und hoffen, dass es eine bestimmte Anschluss-Episode sein würde. Je nachdem hatte sie Glück und meistens Pech. Aktiv nachgefragt im Traum hat sie nie, obwohl sie diese Technik ja durchaus beherrschte.
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After we had all been in the apartment once.
We don't know much about Gerlinde Sicken.
But what we know turned out to be all lies in the end.
Gerlinde Sicken was someone who was not relatively ugly.
I am not relatively ugly.
That's how she had described herself; she probably thought she had to.
She would have liked to be someone who puts together a specific outfit, a whole combination, in the evening. Draped on a hanger. She was already thinking about certain looks at night.
Or rather, it was a feeling of emaciation. In the morning, shortly after waking up, it was still visible as an imprint on her screen. An independent code. She would have simply preferred to prepare everything the night before. That is on a hanger, any carrier really.
At least, that's what she had always said.
She hated it and tried unsuccessfully to avoid touching the metal door handles in her apartment, especially just before going to sleep. Because then her hands would smell of blood and she would lie awake the entire night. Being awake as such didn't actually bother her, which we will talk about later, but the wakefulness induced by the smell of blood annoyed her to no end.
She was one of those people who, in preparation for sleep, put their legs in a specific position and placed their hands above their faces for the first two to three hours, until finally resting them on their face. However, the smell of blood on her hands ruined this system for her. And so those nights were partially very rough, but she was able to gather endless ideas for new art in this state of paralysis.
It was often rather not easy, she said, to get the entire apartment with its four rooms, the countless doors – many doors she had never counted – and herself ready for bed at a certain time of the night.
Without touching the handles.
There were handles everywhere.
There was simply too much to grasp in this apartment.
For example, if she hadn't hung her nightgown on the hook that was located directly next to the shower in the morning, she would have left it lying next to the bed. Completely abandoned.
Full of remorse, of course, but simply left there due to a complete lack of ability.
Then she came out of the shower in the evening and reached for the nightgown, which wasn't there.
And so, on her way to the bedroom, she could only open and close the doors in the nude, that is, with her bare hands. If however, she had hung the nightgown on the hook in the morning as an act of self care, she could cover her hands with the fabric of the nightgown while putting the apartment and herself to bed, and thus never had to touch the metal directly. Because of the fabric, it provided protection.
If everything went well, if the handles of the apartment were grasped with hands covered by the nightgown, and she could lie down smell-free; when finding the right sleeping position wasn’t difficult either, and one thing flowed into the next with ease – those nights were good – though they lacked any aesthetic input.
Sleeping was her favourite thing.
Albeit it always posed a certain risk, it was and always will be the best time of her life.
Her highlights were those rare nights of bliss when she’d wake up at three in the morning with an unbearable thirst, go to the kitchen, fill a glass with water, and down it in one gulp. Because then, right after that, as she lay back in bed, after the exertion and a feeling of subcutaneous pain running through her body, a sensation would come over her that never came otherwise. An inverted fear of death.
Hardly graspable, as she was supposed to fall back asleep quickly and could never recall it accurately. Only in that peak moment, she felt that feeling 100% every time. Nestled in intertwining dreams. A few frames of a huge wave, like a gray wall that curved at the top and had a kind of crest hanging down, that’s how she had described it. Like this: dream episode, then wave, dream episode 2, then wave again, dream episode 3, wave, dream episode 4, and wave again. At least that’s how I understood it back then.
In between, the twisted fear of death.
The dreams were so complex to her that she couldn’t keep up with writing them down. After all, they were all real names and familiar places.
Borchen, Klandistine, Iliat, Reza Drohnthaler.
But they came across differently in the episodes and seemed utterly unknown in the dream. This unfamiliar feeling carried over into her waking state, and Gerlinde Sicken wrote down these names as if she had heard them for the first time. And even when she talked about it, she pronounced them with a different, incorrect intonation. If she was unsure about the spelling, she had to wait until the next dream and hope it would be a specific follow up episode. Depending on the situation, she was sometimes lucky but most of the time she simply wasn´t. She never actively inquired about it in her dreams, although she certainly was a mastress of this technique.
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